Flugblatt, Pamphlet und Karikatur im Struktur- und Medienwandel der Öffentlichkeit
Für die Wissenschaftler des Münchner Forschungsprojekts Activist Writing, die sich für meine Untersuchung zur Flugschriftenliteratur 1848 in Berlin interessieren, erläutert der Vortrag die damalige politisch-intellektuelle Konstellation, aus der heraus das Erkenntnisinteresse an dem Thema entstanden ist, und formuliert Thesen zur Genese und Entwicklung der Flugschriften im Blick auf die Aktualität der Gattung.
Self-Translation between Minor Literature, Bilingualism and Posteriority
The lecture discusses symptomatic problems which fade into the background through the shift in theories of self-translation from exile and Alien Tongues (1989) to migration, bilingualism and re-writing, followed by leveling the differences of languages involved: namely the translation work itself and the ambivalence of self-translation for authors of ‘minor literatures’. Referring to Benjamin, Derrida, and Goldschmidt, the article assumes that in translation the internal foreignness or exophony of each language meets the external foreignness between different languages. While writing in a foreign language is considered a translation without original, self-translation implies the process of remembering, repeating, working through. Examples: Yoko Tawada, Hannah Arendt, Stéphane Mosès.
Gershom Scholem: Poetica. Schriften zur Literatur, Übersetzungen und Gedichte
Gershom Scholems Name steht über die Fachgrenzen der Jüdischen Studien hinaus für die Geschichte der jüdischen Mystik und des jüdischen Messianismus. Weniger bekannt ist, dass er zeitlebens intensiv mit Dichtungen und Übersetzungen sowie mit philologischen sprachtheoretischen Fragen befasst war. Die Edition zeigt diese literarische Seite des bekannten Religionswissenschaftlers. Sie gibt erstmals umfassend und systematisch Einblick in die Arbeit des Literaten und Übersetzers, des Intellektuellen und Kritikers, indem sie Scholems Poetica in sechs Abteilungen versammelt und die einzelnen Texte ausführlich kommentiert.
Ein email für japanische Geister. Yoko Tawadas Poetik am Übergang differenter Schreibsysteme
Tawada’s poetics arose not only from the threshold between Japanese and German, but more precisely from the transition between a pictographic script and an alphabetic linguistic system. Her text „An email for Japanese ghosts“ is interpreted as an allegory of her poetics: In the same way the computer equipped with a European keyboard often fails in its task to transform certain alphabetic units into target words of the Japanese vocabulary, Tawada’s German written texts – creatively – misread words by a systematic disfigurement of their literacy.
›Escape to Life‹ German Intellectuals in New York: A Compendium on Exile after 1933
After 1933, New York City gave shelter to many leading German and German-Jewish intellectuals. Stripped of their German citizenship by the Nazi-regime, these public figures either stayed in the New York area or moved on to California and other places. This compendium, adopting the title of a famous volume published by Klaus and Erika Mann in 1939, explores the impact the US, and NYC in particular, had on these authors as well as the influence they in turn exerted on US intellectual life.
Die “innere Spannung im alphanumerischen Code” (Flusser Lecture)
Die Lecture erinnert eine Begegnung mit Vílem Flusser bei seinem Vortrag über den “Auszug der Zahlen aus dem alphanumerischen Alphabet” Anfang der 1990er Jahre und nimmt diese These zum Ausgangspunkt, um das Verhältnis von Buchstabe und Zahl in grammatologischer und wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive zu diskutieren.
Paul Celan: Prosa aus dem Nachlass (2005) Briefwechsel mit Szondi (2005)
Rezension in: Literaturen 3/ 2006
Theodor W. Adornos “Traumprotokolle”
Besprechung von Th. W. Adorno, Traumprotokolle, Frankfurt/M.: Bibliothek Suhrkamp 2005, in: Literaturen, 6.11. 2005
Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte: Schauplätze von Shakespeare bis Benjamin
Grundlage der Studien ist die Wahlverwandtschaft zwischen Literatur- und Kulturwissenschaft. Denn unser Wissen von der Kulturgeschichte, so die Ausgangsthese des Buches, entspringt der Lektüre. Deren an Texten entwickeltes Vermögen zur Entzifferung wird dabei auf die Signaturen anderer Hinterlassenschaften übertragen: neben dem Archiv schriftlich überlieferten Wissens auch auf bildliche und (ikono-) graphische Darstellungen, auf Topographien, Photos und Überreste: „Umkehr ist die Richtung des Studiums, die das Dasein in Schrift verwandelt“ (Walter Benjamin).
Korrespondenzen und Konstellationen. Zum postalischen Prinzip biographischer Darstellung
Vor dem Hintergrund der Erörterung entgegengesetzter Theorien zur Biographie – zwischen Diltheys Idee der ‘Lebenseinheit’ und Roland Barthes Konzept der Biographeme – entwickelt der Beitrag ein Konzept biographischer Darstellung, das aus signifikanten Konstellationen und den Korrespondenzen des/der Autors/in (zu Zeitgenossen und Literatur) gewonnen wird. Das wird am Beispiel von Weigels intellektueller Biographie Bachmanns Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses (1999) ausgeführt.
‘Shylock und das “Motiv der Kästchenwahl”. Zur Differenz von Gabe, Tausch und Konversion im “Kaufmann von Venedig”
Im Anschluss an verschiedene Deutungsmuster zu Shakespeares Kaufmann von Venedig, wie mythologisch-anthropologische Interpretationen und das ethnologisch-feministische Paradigma des Frauentausches, deutet der Beitrag das Stück im Hinblick auf die Probleme, die den Tauschgesetzen der allgemeinen Zirkulation eingeschrieben sind. Vor dem Hintergrund theoretischer Überlegungen zur Differenz von Tausch und Gabe und zur Logik der Konversion wird die Gerichts-Szene zur Schlüssel-Szene des Stücks, in der die inhärenten Ungleichzeitigkeiten der Tauschgesetze virulent werden. Wo die Travestie der Frau und die unmögliche Konversion von Geld und Leib aufeinandertreffen, brechen die Gesetze des (symbolischen) Vaters und der allgemeinen Zirkulation gleichermaßen ein.
(in S. W., Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte. Schauplätze von Shakespeare bis Benjamin. München: Fink 2004, S. 63-85.)
Gershom Scholem. Literatur und Rhetorik
Herausgegeben von Stéphane Mosès und Sigrid Weigel. Köln: Böhlau 2000.
Der Band versteht sich als Anregung, den ‘anderen Scholem’ zu entdecken, der lange im Schatten der Würdigung des Judaisten als herausragender Historiker von jüdischer Mystik, Kabbala und Messianismus stand. Die Beiträge beleuchten einzelne Momente aus seiner Auseinandersetzung mit Literatur und sprachtheoretischen Fragen; sie widmen sich der Stellung des Autors Scholem und seiner Schreibarbeit an der Schwelle von Judaistik und Poetik, religiöser Sprache und Dichtung, Historiographie und Rhetorik.
Darin: Sigrid Weigel, “Scholems Gedichte und seine Dichtungstheorie. Klage, Adressierung, Gabe und das Problem einer biblischen Sprache in unserer Zeit”.
Ingeborg Bachmann: Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses
Die erste Gesamtdarstellung des Gesamtwerks von Ingeborg Bachmann jenseits von Mythen und Legenden. Das Buch stützt sich dabei nicht nur auf den zugänglichen Teil des Nachlasses, sondern auch auf Briefe und Notizen in den Nachlässen von Hannah Arendt, Peter Szondi, Wolfgang Hildesheimer und anderen. So wird Ingeborg Bachmann inmitten eines Netzes aus Beziehungen und Korrespondenzen sichtbar, die ein neues und überraschendes Licht auf ihr Leben und Werk werfen.
Nachmärz. Zum Ursprung der ästhetischen Moderne aus einer nachrevolutionären Situation.
Das Scheitern der Revolution 1848/49 zwang zu vielen Formen der Reaktion und Bewältigung: zum Abschwören alter Ideale und zur Suche nach "realitätstüchtigen" Programmen, zum beharrlichen Verfolgen der Emanzipation sowie zur Transponierung revolutionärer Impulse in die Kunst und Literatur.
Bilder des kulturellen Gedächtnisses. Beiträge zur Gegenwartsliteratur.
Dülmen bei Hiddingsel 1994.
In dem Maße, wie politische bzw. ideologische Gewißheiten und Utopien schwinden, gewinnt in der Gegenwartsliteratur die Lektüre von Bildern und Figuren des kulturellen Gedächtnisses, von Träumen, Symptomen und körperlichen-sprachlichen Ausdrucksformen immer mehr an Bedeutung. Dabei korrespondiert der Übergang von (autobiographischen) Erinnerungen zu Gedächtnis-Schriften und -Bildern in der Literatur mit der Konjunktur des Gedächtnisses im theoretischen und wissenschaftlichen Diskurs.
Gegenwartsliteratur seit 1968
Herausgegeben von Klaus Briegleb und Sigrid Weigel. München: Hanser 1992.
Die sozialgeschichtliche Konstellation der Literatur um 1968 ist geprägt von Ungleichzeitigkeiten und Widersprüchen. Viele Trends und Programme, wie die konkret-sprachliche experimentelle Textarbeit, die Beschreibungsliteratur und die Lyrik, liefen wie unbeirrt weiter. Andere Gattungen wurden neu kreiert oder wiederentdeckt und dem etablierten Kulturbetrieb entgegengesetzt, wie das Straßentheater, das neue Hörspiel und der neue Surrealismus. Schließlich wurde gleichzeitig an einer großen Literatur gearbeitet, die sich mit den Themen beschäftigt war, die zu den typischen der 68er-Bewegung gezählt werden, allen voran die Auseinandersetzung mit der Nachgeschichte des Nationalsozialismus.
“Und selbst im Kerker frei…!” Schreiben im Gefängnis
Das 1982 publizierte Buch legt erstmalig eine Geschichte der Gefängnisliteratur vor, die den Wandel der Gattung und des Selbstverständisses der Schreibenden vor dem Hintergrund der Geschichte der Internierung – vom Kerkersystem zum modernen Gefängnis – untersucht. Die historischen Stationen sind: 1. Kerkerliteratur auf der Stufe der Strafreform, 2. Politische und soziale Delinquenten im neuen Gefängnissystem, 3. Psychologische und politische Differenzierung des Besserungsvollzugs.
Flugschriftenliteratur 1848 in Berlin. Geschichte und Öffentlichkeit einer volkstümlichen Gattung.
Die Revolution von 1848 war ein politischer Lernprozess, der Hunderttausende einbezog und ihnen Möglichkeiten der politischen Partizipation eröffnete. Die vorliegende, auf der Sigrid Weigels Dissertation von 1977 basierende Studie untersucht die Flugschrift als jenes Medium, das diesen Lernprozess erst ermöglichte und die revolutionäre Öffentlichkeit konstituierte. Im Zentrum steht die Analyse der Berliner Flugschriftenliteratur als eigenständige literarisch-publizistische Gattung, deren Charakteristika, Funktionen und Öffentlichkeitsbezüge systematisch erschlossen werden.