Ingeborg Bachmann und Susan Taubes
Ingeborg Bachmann und Susan Taubes verbindet ihre Position als intellektuelle Schriftstellerinnen gleichsam ‘vor der Zeit’, als es noch keine Öffentlichkeit für weibliche Autoren gab. Beide wechselten von der Philosophie zur Literatur; in ihrem Werk sind die Spuren der Katastrophen und die Bruchlinien des 20. Jahrhunderts lesbar: die Nachgeschichte des Nationalsozialismus, Erinnerung und Exil, die Gewalt der Geschlechterverhältnisse, Doch die Geschichte der beiden Autorinnen unterscheidet sich radikal.
Die Literatur von Ingeborg Bachmann (1926 - 1973), die in aus der Schwelle von Krieg und Wiener Nachkriegszeit hervorgegangen ist, stellt sich heute als poetisch-politisches Gedächtnis des 20. Jahrhundert dar – und ist doch hochaktuell. Mit den Spuren des Verdrängten und Verschwiegenen trägt ihr Schreiben die Signaturen ihrer Zeit und gründet zugleich in der radikalen Durcharbeitung persönlicher Erfahrungen. Als Intellektuelle war sie ihrer Zeit voraus, entsprechend ortlos und unbehaust, dies auch im ganz konkreten Sinne, indem ihre Aufenthaltsorte häufig wechselten (Wien, Neapel, Rom, München, Zürich, Berlin und wieder Rom). Die besondere Schreibweise ihrer faszinierenden, vielschichtigen Texte zeugt von einer Ausnahme–Schriftstellerin: polyglott, musikalisch, literarisch und philosophisch gebildet, psychoanalytisch interessiert und politisch engagiert. In den 1950er Jahren als Lyrikerin berühmt geworden, publizierte sie bald in allen Genres, Hörspiele, Essays, Erzählungen und Romane. Das letzte Jahrzehnt war durch die Arbeit an dem großen Projekt eines Roman-Zyklus unter dem Titel Todesarten geprägt, von dem sie nur den einen Roman Malina abschließen konnte.
Susan Taubes (1928 bis 1969), als Jüdin in Budapest geboren und im Exil in den USA aufgewachsen, trat in den 1950er Jahren mit Beiträgen zur Philosophie als ‘negativer Theologie’ hervor, während ihre literarischen Text zu ihren Lebzeiten mehrheitlich unpubliziert blieben und erst lange nach ihrem Freitod 1969 Beachtung fanden. Der Roman Divorcing, die Essays und ihre Briefe sind Zeugnisse der Erfahrungen von Exil, Geschlechterordnung, einer existenziellen Unbehaustheit und der kritischen Auseinandersetzung mit “den Geistern des Judaismus”.
Es gibt zahlreiche Berührungen zwischen beider Schriften, etwa im Interesse an Simone Weil zu einer Zeit, als deren Werk gerade erst entdeckt wurde. Und so unterschiedlich die Schreibeweisen von Bachmanns Roman Malina (1971) und Taubes Roman Divorcing (1969) sind, so korrespondieren beide, indem sie die Spannungen zwischen intellektueller Existenz und weiblicher Sexualität thematisieren und die Synthese von männlicher Position und institutionalisierter Autorität in Traumszenen gestalten.
Ingeborg Bachmann: Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses
Gesamtdarstellung des OEuvres Ingeborg Bachmanns, für die nicht nur der zugängliche Nachlass, sondern auch die Spuren berücksichtigt wurden, die Bachmanns Korrespondenz in anderen Nachlässen hinterlassen hat. Aus der Vielzahl der Details - Originalbriefe u. a. von Hannah Arendt, Wolfgang Hildesheimer und Peter Szondi - entsteht so ein Bild von Ingeborg Bachmann, das sich von den Klischees der biographischen Interpretation abhebt.
Susan Taubes, Schriften, hgg. v. Sigrid Weigel
Bd. 1.1: Die Korrespondenz mit Jacob Taubes 1950-1951, hgg. v. Christina Pareigis. 2011.
Bd. 1.2.: Die Korrespondenz mit Jacob Taubes 1952, hgg. v. Christina Pareigis. 2014
Bd. 2: Philosophische Schriften. (Mit einem Inventar des Nachlasses), hgg. v. Thomas Macho u. Johannes Steizinger. 2026.
Bd. 3: Prosaschriften, hgg. v. Christina Pareigis. 2015
In Deutschland wurde die Philosophin und Schriftstellerin Susan Taubes (geb. Feldmann, 1928 1969) erst Mitte der 90er Jahre durch die späte Übersetzung ihres 1969 in den USA erschienenen Romans Divorcing und als erste Frau des Religionsphilosophen Jacob Taubes bekannt. Die Edition ihres Nachlasses ermöglicht nun die Entdeckung einer unabhängigen Denkerin, deren faszinierendes Werk Schriften zu Literatur und Theater, Religionsphilosophie und Kulturwissenschaft umfasst.
Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Poetische Korrespondenzen
Hgg. v. Bernhard Böschenstein u. Sigrid Weigel. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1997. Tb 2000
Dieser Band notiert die Begegnungen zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, deren Orte, Wien und Paris, korrespondierende Motive, das Motiv der Flaschenpost, die Metaphorik ihrer Lyrik, die beiden Büchnerpreisreden, den Traum als Medium historischer Erkenntnis, die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, aber auch den unterschiedlichen Bezug auf Denktraditionen, auf Georg Büchner, auf Walter Benjamin oder Martin Heidegger.
Susan Taubes on the Birth of Tragedy and the Negative Theology of Modernity
German, English, and Italian versions.
During the 1950s Susan Taubes published several articles on German philosophy (Nietzsche, Heidegger) as “smuggled theology”, on Simone Weil, negative, theology, the absent God, and the nature of tragedy. The article discusses Taubes’ reflections at the threshold between the philosophy of religion and cultural history as a fascinating work of an enormous topicality.
Paul Celan et Ingeborg Bachmann. Face à la critique littéraire allemande d’après-guerre
in: Europe. Revue mensuelle, N. 861-862, Janvier-Février 2001, pp. 133-150.
Bachman und Celan dans l’ombre de la critique littéraire
Cet article décrit les tensions dans les relations entre Bachmann et Celan, causées par l'antisémitisme dans le milieu littéraire allemand d'après-guerre.
(in: europe, Janvier-Février 2001)
Korrespondenzen und Konstellationen. Zum postalischen Prinzip biographischer Darstellung
Vor dem Hintergrund der Erörterung entgegengesetzter Theorien zur Biographie – zwischen Diltheys Idee der ‘Lebenseinheit’ und Roland Barthes Konzept der Biographeme – entwickelt der Beitrag ein Konzept biographischer Darstellung, das aus signifikanten Konstellationen und den Korrespondenzen des/der Autors/in (zu Zeitgenossen und Literatur) gewonnen wird. Das wird am Beispiel von Weigels intellektueller Biographie Bachmanns Hinterlassenschaften unter Wahrung des Briefgeheimnisses (1999) ausgeführt.
Hinterlassenschaft, Archiv, Biographie. Am Beispiel von Susan Taubes
(in: Spiegel und Maske. Konstruktion biographischer Wahrheit, hgg. v. B. Fetz/ H. Schweiger. Wien 2006)
Reading the City. Ingeborg Bachmann’s Essays on Rome (1950) and Berlin (1964) (Kopie)
in: Urban Visions. Experiencing and Envisioning the City. Ed. by Stephen Spier. Liverpool University Press and Tate Liverpool. London 2002.