“Und selbst im Kerker frei…!” Schreiben im Gefängnis
Zur Theorie und Gattungsgeschichte der Gefängnisliteratur 1750-1933
Ausführungen zu Begriff und Geschichte der Gefängnisliteratur und historisch angeordnete exemplarische Studien zu den Texten einzelner Gefangenen-Autoren – von Friedrich von Trenck und F. D. Schubart über Gefangene im Vormärz bis zu den überwiegend politischen Gefangenen der Weimarer Republik – werden durch einen umfangreichen Quellenteil ergänzt: 1. Die Planungsphantasien der Gefängnistheoretiker, 2. die Überlebensphantasien der Gefangenen.
Das Buch schließt an Foucault an, dreht aber gleichsam die Perspektive um, indem die Gefangenen selbst zur Sprache kommen.
In Anknüpfung an Foucaults Analyse des panoptischen Prinzips wird das moderne Zellengefängnis als Machtapparat gefasst, der durch die architektonische Disposition eine ständige Überwachung ermöglicht. Das Gefängnis konstituiert sich als totale Institution, deren disziplinarische Macht das Subjekt durch Isolation, Überwachung und räumliche Kontrolle neu formiert. Die Mechanik der Isolation dient der Herstellung einer „innigsten Unmittelbarkeit" zwischen Gefangenem und Herrschaftssystem. Gegen diese Macht, die den Körper gefangen hält und „gelehrig und erkennbar" machen will, etabliert sich das Schreiben als Reproduktionsort der Freiheit.
Das Titel-Zitat des Buches “Und selbst im Kerker frei” steht für ein durchaus überraschendes Ergebnis der Untersuchung, dass das Schreiben von den Autoren nämlich nicht nur als existenzielle Strategie der Selbstbehauptung und -ermächtigung in einem System der Einsperrung und Depersonalisierung praktiziert, sondern darüber hinaus als Entwurf einer inneren Freiheit verstanden wurde. In der Einlassung auf die einzelnen Gefangenen-Autoren, ihre Situation und ihre Texte wird die gängige Unterscheidung zwischen „intellektuellen” und „sozial delinquenten” Gefangenen ad absurdum geführt. Vielmehr werden bestimmte Muster im Umgang mit der Gefangenschaft kenntlich.