Aby Warburg
Aby Warburg (1866–1929) gilt als einer der Begründer einer disziplinübergreifenden, kulturwissenschaftlich orientierten Kunst- und Bildwissenschaft. Er betrachtet Bilder, Symbole und Gebärden als gebundene Ausdrucksformen psychischer Energien in der Auseinandersetzung mit Natur und Geschichte. In der von ihm begründeten “Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg” in Hamburg (1933 nach London gerettet), die er als “Laboratorium kulturwissenschaftlicher Bildgeschichte” verstand, hat er Wissenschaftler aus Altphilologie, Philosophie, Sprachgeschichte, Kunstgeschichte, Archäologie, Religionsgeschichte, Arabistik etc. versammelt. Sein Nachlass – mit der Bibliothek, der Fotosammlung, seinen Zettelkästen und Manuskripten – ist heute zum Anziehungspunkt für Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle aus der ganzen Welt geworden.
Am einflussreichsten sind sein Begriff der ‚Pathosformel‘ (das sind körperliche Ausdrucksformen auf Bildwerken), und das Konzept des ‚Nachlebens‘ solcher Bildformeln aus der paganen Antike in der Kunst der christlichen Renaissance und der Moderne auf dem Wege der ‚Wanderung‘ von Ost nach West und von Süd nach Nord. Das anspruchsvolle Vorhaben, diese Bewegungen auf Bildtafeln mit Reproduktionen von Bildwerken aus Kult, Astrologie und Kunst nach einzelnen Motiven geordnet in einem Bilderatlas Mnemosyne zu versammeln und kulturwissenschaftlich zu kommentieren, musste unvollendet bleiben.
Ebenso bekannt ist seine Reise zu den Pueblos in Neumexiko 1895/96. Bei dem vielrezipierten Text „Schlangenritual“ / Serpent’s Ritual“ handelt es sich jedoch um die von Warburgs Mitarbeitern Gertrud Bing und Fritz Saxl bearbeitete und übersetzte Version eines Vortragsmanuskripts, das 1923 während Warburgs Aufenthalt in der von Ludwig Binswanger geleiteten Heilanstalt in Kreuzlingen entstand und nicht für die Veröffentlichung gedacht war.
Warburgs Ideen haben erst seit den 1980er Jahren allmählich ihre Wirkung entfalten, sind heute jedoch zu einer prominenten Referenz für Kulturwissenschaft, Bildtheorie und Memory Studies geworden. Die wachsende internationale Warburg-Rezeption steht dabei vor dem Problem, dass seine ungewöhnliche Diktion und seine eigenwilligen Wortschöpfungen eigentlich unübersetzbar sind. Häufig in moderne neutrale Begriffe übersetzt, verschwindet aber ein Teil seiner eigensinnigen Betrachtungsweise.
Warburg und die Sprache
Kolloquium der “Fundazion Nairs” zu Warburgs Passagen, 5.-7.8.2022
Zur Edition von Aby Warburgs Briefen
Besprechung in: kritische berichte, H. 3, 2022, S. 82-86.
Rezension in: die FAZ, 24.6.2022
The Epistemic Advantage of Self-analysis for Cultural-Historical Insights: The Variants of Warburg’s Manuscripts on his Indian Journey
The article analyses the second manuscripts of notes for his lecture at Kreuzlingen (first published in Werke in einem Band, 2010) in comparison with the well-kown version published as Serpent Ritual. These notes emphasize Warburg’s subjective health condition as a point of departure for his discussion of the Pueblo culture.
+ Video der deutschsprachigen Fassung als Vortrag als Video
The absence of Walter Benjamin in the K.B.W. –The constellation of a latent but failed elective affinity
The article describes Benjamin’s attempt to get in contact with Aby Warburg and it examines the odyssey of his book Ursprung des Deutschen Trauerspiels in the K.B.W. following the paths of letters exchanged between Warburg, Panofsky, and Saxl. Although the interesting relatedness between Warburg’s book Heidnisch-antike Weissagungen in Wort und Bild in Luthers Zeiten and Benjamin’s book on the mourning play is obvious, Saxl and Panofsky rejected Benjamin’s book as “zu gescheit” (too bright) and refrained to invite him to enter the network of the K.B.W.
Warburg’s Reading of Darwin
The Warburg Institute celebrated the 150th anniversary of the birth of Aby Warburg with a conference dedicated to his work and heritage. Distinguished scholars discussed the implications of Warburg’s thought and vision for the history of art, images and cultures, illuminating the past and revealing the potential of Warburg's writings for the debate about contemporary cultural differences as well.
Wohin führt der Atlas? Aby Warburgs Erbe und die Zukunft der Ikonologie
Anlässlich der Ausstellung Aby Warburgs Bilderatlas in der Bundeskunsthalle im Mai 2021:
Livetalk des Forschungsverbunds Bilderfahrzeuge mit Eva Kraus (Bundeskunsthalle), Bill Sherman, Andreas Beyer, Horst Bredekamp, Uwe Fleckner, Sigrid Weigel.
Epistemology of Wandering, Tree and Taxonomy. The system figuré in Warburg’s Mnemosyne project within the history of cartographic and encyclopaedic knowledge
The article discusses the cultural technique of the Bilderatlas in respect of its fundamental epistemological problem to combine a genealogical perspective (‘Nachleben’ of ancient pathos formula or symbols in Renaissance painting) with classification (collocation of similar gestures under certain headings) in one and the same system of representation, – a problem which has been intensely discusses by d’Alembert and Diderot when conceptualizing their project of Encyclopédie.
Aby Warburg. Werke in einem Band
Warburgs Werke in einem Band sind ein Grundbuch der Kulturwissenschaften und der ideale Zugang zu Warburgs faszinierenden Bild- und Wortdeutungen.
Mit diesem Band liegen Warburgs wichtigste Texte in einer revidierten und sorgfältig kommentierten Ausgabe vor. Dafür wurden sämtliche fremdsprachigen Zitate übersetzt. Bei der Auswahl bereits publizierter Arbeiten wurden die Texte anhand der nachgelassenen Manuskripte bzw. Typoskripte und seiner eigenen Anmerkungen revidiert, die Zusätze von fremder Hand getilgt und in Anmerkungen verzeichnet. Zusätzlich werden zwölf bisher unpublizierte Manuskripte aus dem Nachlass hier erstmals veröffentlicht.