Erste Kulturwissenschaft

Als “Erste Kulturwissenschaft” bezeichne ich – im Unterschied zum ‚cultural turn‘ in den Humanities der 1980er/90er Jahre – die Arbeiten einer Gruppe von Intellektuellen um 1900, die die Grenzen und Gegenstände ihrer jeweiligen Fächer überschritten und eine trans-disziplinäre Kulturanalyse entwickelt haben. Obwohl diese Wissenschaftler damals an unterschiedlichen Orten wirkten, verbindet sie ein kritisches Geschichts- und Kulturverständnis jenseits des herrschenden Fortschrittsdenkens der eurozentrischen Moderne: das Interesse am Nachleben mythischer, kultischer und religiöser Praktiken und Denkweisen in der dem Anschein nach säkularen europäischen Kultur und deren Korrespondenzen zu außer-europäischen Kulturen.

Intellektuelle wie Aby Warburg, Walter Benjamin, Sigmund Freud, Georg Simmel, Helmut Plessner, Ernst Cassirer u.a., die mehrheitlich dem deutschsprachigen assimilierten jüdischen Bürgertum entstammten und wenig Chancen auf eine angemessene Postion im akademischen System hatten, entwickelten aus ihrem Ort am Rande oder außerhalb der Universitäten ein Denken an Übergängen, in Grenzbezirken und Zwischenräumen. Von ihnen stammen signifikante Denkfiguren und Verfahren jenseits der konventionellen Ordnung des Wissens (wie Chronologie, Taxonomie und Geographie). Durch den Nationalsozialismus zerstört und vertrieben, wurde dieses intellektuelle Erbe erst allmählich wieder erinnert, so dass deren erkenntniskritisches Potential noch längst nicht ausgeschöpft ist.

Viele aktuelle Fragen und Anliegen des theoretischen Diskurses wurden bereits von den Arbeiten der ‘ersten Kulturwissenschaft’ formuliert – so die „Erweiterung des Gesichtskreises auf die außereuropäischen Sprachen, Kulturen und Religionen, auf die vorklassische Geschichte, auf die vorgeschichtlichen, vor- und außermenschlichen Lebensformen,“ durch die das europäische Bewußtsein „die Unbefangenheit sich selbst gegenüber verloren“ habe, so Plessner, – allerdings ohne in die Falle des Essentialismus zu tappen und die Erkenntnis in das Korsett von Herkunft, Geschlecht oder Ethnizität einzuzwängen.

Sigrid Weigel Sigrid Weigel

Kultur denken (IfK-Podcast: Gespräch mit Sigrid Weigel

Anlässlich seiner 30jährigen Bestehens veranstaltete das IfK Wien (Internationales Forschungszentrum für Kulturwissenschaft) 2023 eine Tagung zur Geschichte und Gegenwart von Paradigmen der Kulturwissenschaft und zur Praxis kulturwissenschaftlichen Arbeitens innerhalb und außerhalb der Universität (s. Programm). Im Anschluß wurde eine Podcast-Serie “Kultur denken” gestartet. In der ersten Sendung erläutert Sigrid Weigel anhand einzelner trans-disziplinärer Projekte ihre kulturwissenschaftliche Arbeit am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung.

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The European Intellectual Heritage of Aby Warburg (Martin Roth Symposion 2018)

Sigrid Weigel discusses the topicality of an intellectual heritage that emerged around 1900 from the reverse side of the dominant European colonial and nationalistic past and was developed by scholars who operated at the margins of German academia. In 10 theses she presents this early ‘Kulturwissenschaft’ and its approach to culture – based on transgression, exchange, translation, and transformation – which provides a potentiality and epistemological impulses for the role of European culture in a global world today.

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Sigrid Weigel Sigrid Weigel

“Jüdisches Denken in einer Welt ohne Gott”. Stéphane Mosès Beitrag zur Kulturwissenschaft

Der Aufsatz verortet die Arbeiten von Mosès in der Nachfolge der „Ersten Kulturwissenschaft“ um 1900 und von deren deutsch-jüdischem Index und beschreibt seinen originären Beitrag zur Fortschreibung dieses Denkens für das 20. Jahrhundert – Korrespondenzen zwischen jüdisch-religiöser Tradition und Philosophie/Philologie im Dialog zwischen Paris, Jerusalem und deutschsprachiger Kultur – im Horizont von Dekonstruktion und religious turn der 1970er bis 1990er Jahre. Im Zentrum steht Mosèsʼ spezifische Konzeption von Lektüre; deren Genese aus dem Dreieck von Bibel, Psychoanalyse, Literatur wird systematisch entlang dreier Achsen profiliert: der Beziehung zwischen (1) Dichtung und Traum, (2) Bibel-Lektüre und philologischer Lektüre, (3) Bibel- Lektüre und Psychoanalyse.

pdf des Artikels in: Naharaim 2017; 11, 1-2:

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Sigrid Weigel Sigrid Weigel

Gershom Scholem: Poetica. Schriften zur Literatur, Übersetzungen und Gedichte

Gershom Scholems Name steht über die Grenzen der Jüdischen Studien hinaus für die Geschichte der jüdischen Mystik, der Kabbala und des jüdischen Messianismus. Weniger bekannt ist, dass er zeitlebens mit philologischen, poetologischen und sprachtheoretischen Fragen befasst war und selbst zahlreiche Gedichte geschrieben hat. Die Edition zeigt diese literarische Seite des bekannten Religionswissenschaftlers.

Das Bucn (2019) stellt erstmals Scholems Schriften zur Literatur, seine Übersetzungen und seine Gedichte in einer kommentierten Edition zusammen.

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Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte: Schauplätze von Shakespeare bis Benjamin

Grundlage der Studien in der Publikation aus dem Jahre 2004 ist die Wahlverwandtschaft zwischen Literatur- und Kulturwissenschaft. Denn unser Wissen von der Kulturgeschichte, so die Ausgangsthese des Buches, entspringt der Lektüre. Deren an Texten entwickeltes Vermögen zur Entzifferung wird dabei auf die Signaturen anderer Hinterlassenschaften übertragen: neben dem Archiv schriftlich überlieferten Wissens auch auf bildliche und (ikono-) graphische Darstellungen, auf Topographien, Photos und Überreste: „Umkehr ist die Richtung des Studiums, die das Dasein in Schrift verwandelt“ (Walter Benjamin).

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Sigrid Weigel Sigrid Weigel

“Der liebe Gott steckt im Detail”. Mikrostrukturen des Wissens

Die Maxime Der liebe Gott steckt im Detail, unter die Aby Warburg 1925 sein Seminar über die italienische Kunst der Frührenaissance stellte, hat im Teufel ihren verschwiegenen Widerpart. Dies verweist auf eine doppelte Geschichte des Details: auf eine Erhebung zur Methode, die im noch so Unscheinbaren das Bedeutsamste wahrnimmt, wie auf eine Inkriminierung, die darin nur eine Bedrohung oder Störung des Überblicks sieht. Das kleine sprachliche Detail, das dieses vom Teil unterscheidet, macht einen Unterschied ums Ganze und setzt in diesem Buch eine interdisziplinäre Recherche über eine spezifische Erkenntnistheorie und Optik in Gang.

pdf von Sigrid Weigels Aufsatz zum “Detail in der Kulturtheorie der Moderne: Warburg, Freud, Benjamin” in diesem Band:

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Sigrid Weigel Sigrid Weigel

Gershom Scholem. Literatur und Rhetorik

Der Band versteht sich als Anregung zur Entdeckung eines ‘anderen Scholem’, der lange im Schatten seiner Position als herausragender Historiker der jüdischen Mystik und Kabbala stand, indem er einige Momente aus dem Spektrum seiner Autorschaft im Feld von Literatur und sprachtheoretischen Fragen präsentiert. Die Beiträge beleuchten die Stellung des Autors Scholem und seiner Schreibarbeit an der Schwelle von Judaistik und Poetik, von religiöser Sprache und Dichtung, von Historiographie und Rhetorik.

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Sigrid Weigel Sigrid Weigel

Flaschenpost und Postkarte.

Der 1995 herausgegebene Sammelband entstand in einer Phase theoretischer Neuorientierung und markiert einen programmatischen Dialog zwischen der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und dem französischen Poststrukturalismus. Anstatt diese beiden Theorietraditionen in einem polemischen Entweder-oder zu verharren, untersucht der Band produktive Korrespondenzen und Verbindungswege jenseits der starren Lagerbildung zwischen Paris und Frankfurt.

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