Flugschriftenliteratur 1848 in Berlin. Geschichte und Öffentlichkeit einer volkstümlichen Gattung.

Die Revolution von 1848 war ein politischer Lernprozess, der Hunderttausende einbezog und ihnen Möglichkeiten der politischen Partizipation eröffnete. Die vorliegende, auf der Sigrid Weigels Dissertation von 1977 basierende Studie untersucht die Flugschrift als jenes Medium, das diesen Lernprozess erst ermöglichte und die revolutionäre Öffentlichkeit konstituierte. Im Zentrum steht die Analyse der Berliner Flugschriftenliteratur als eigenständige literarisch-publizistische Gattung, deren Charakteristika, Funktionen und Öffentlichkeitsbezüge systematisch erschlossen werden.

Die Untersuchung positioniert sich als Beitrag zu einer politischen Literaturgeschichte, die in der Dialektik von bürgerlicher und nicht-bürgerlicher Öffentlichkeit angelegt ist. Während die bürgerliche Öffentlichkeit institutionalisiert in etablierten Zeitungen ihre diskursive Vermittlung fand, artikulierte sich die volkstümliche Gegenöffentlichkeit in den Flugschriften. Diese erweisen sich als strategisches Medium der Agitation und Mobilisierung. Ihre Gattungsmerkmale wie Kürze, Unmittelbarkeit und extreme Mobilität sind funktionale Notwendigkeiten angesichts des Handlungsdrucks der Revolution.

Ein besonderes Augenmerk gilt den literarischen und rhetorischen Mitteln dieser volkstümlichen Gattung. Die Analyse der Lyrik-Appelle, politischen Lieder und Metaphern zeigt, wie die Autoren ihre Wirkungsabsicht beim Massenpublikum realisierten. Die Flugschrift war nicht primär auf isolierte Lektüre, sondern auf kollektive, mündliche Rezeption ausgerichtet und sicherte durch emotionalisierte, gemeinschaftliche Wiederholung die orale Mobilisierung der nicht-bürgerlichen Schichten.

Die thematische Analyse offenbart, wie die Flugschriften die Spaltung des revolutionären Lagers beschleunigten. Während das liberale Bürgertum politische Rechte und Eigentumssicherung priorisierte, rückten die Flugschriften der Gegenöffentlichkeit die existenziellen Forderungen des vierten Standes radikal in den Mittelpunkt. Die Studie etabliert die Flugschrift als historischen Index von Gegenöffentlichkeit und analysiert die mediale Organisation politischer Kultur im Vormärz. Die Dialektik der Öffentlichkeit erweist sich dabei auch als Dialektik der Mediengeschwindigkeit: Die Flugschrift agierte als Echtzeit-Kanal der Krise.

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