Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte: Schauplätze von Shakespeare bis Benjamin
Das Buch untersucht anhand exemplarischer Studien die Genese der Kulturwissenschaft aus der Literatur, anders gesagt literarische Schauplätze als kulturwissenschaftliches Wissen avant la lettre. Denn unser Wissen von der Kulturgeschichte, so die Ausgangsthese des Buches, entspringt der Lektüre. Deren an Texten entwickeltes Vermögen zur Entzifferung wird dabei auf die Signaturen anderer Hinterlassenschaften übertragen: neben dem Archiv schriftlich überlieferten Wissens auch auf bildliche und (ikono-) graphische Darstellungen, auf Topographien, Photos und Überreste: „Umkehr ist die Richtung des Studiums, die das Dasein in Schrift verwandelt“ (Walter Benjamin). Betrachtung des Daseins als Schrift aber heißt: Beerbung philologischer Methoden, Analyse der Figurativität, Ikonographik und Medialität von Darstellungen sowie Aufmerksamkeit für die Bilder und Worte, die den Begriffen vorausgehen und diese erst ermöglichen. Im Unterschied zur Histoire Naturelle geht es der im Buch präsentierten Historie Culturelle weniger um die Ordnung der Dinge als um symbolische Praktiken und Deutungsmuster, um die Frage, wie kulturelles Wissen entsteht. Jenseits der großen Erzählungen und Entwicklungsgeschichten richtet sich ihr Blick auf exemplarische Szenarien und signifikante Details, auf einzelne Schauplätze und Denkfiguren. Während „kulturalistische“ und medientheoretische Betrachtungsweisen sonst oft auseinanderlaufen, spielt in Weigels kulturwissenschaftlichen Lektüren die Spur der Affekte in der Geschichte eine ebenso bedeutsame Rolle wie die Historizität des Wissens und seiner Begriffe, wird dem Umgang mit religiösen Überlieferungen die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet wie dem medienbedingten Wandel von Kulturtechniken. Denn Kulturwissenschaft ist für sie keine neue Disziplin, sondern entspringt einer Arbeit an Übergängen. Insofern stehen Schauplätze und Figuren wie Konversion, Übersetzung und Säkularisierung im Mittelpunkt des Interesses. Und deshalb spielen Autoren wie Freud, Benjamin und Warburg, deren Denken sich an der Schwelle von traditionellen Fächern wie der Medizin, der Germanistik und der Kunstgeschichte zu einer Lektüre der europäischer Kultur ausgebildet hat, eine zentrale Rolle für ihre Methode.
Das Buch versammelt Studien zu Shakespeare, Kleist, Freud, Benjamin und Susan Taubes, untersucht Operationen wie Übersetzung und Konversion und untersucht kulturgeschichtliche Spuren von Pathos-Passion-Gefühl, von Bild-Leküren und Stadt-Topographien.