Flaschenpost und Postkarte.

Korrespondenzen zwischen Kritischer Theorie und Poststrukturalismus

Herausgegeben von Sigrid Weigel, Reihe: Literatur - Kultur - Geschlecht. Studien zur Literatur- und Kulturgeschichte, Kleine Reihe, Band 5, mit Beiträgen von: Anselm Haverkamp, Sigrid Weigel, Bettine Menke, Birgit Erdle, Alex Demirovic, Sigrid Schade, Christa Karpenstein-Eßbach, Christoph Tholen, Heide Schlüpmann, Norbert Bolz, Friedrich Kittler und Manfred Schneider.

Der 1995 herausgegebene Sammelband entstand in einer Phase theoretischer Neuorientierung und markiert einen programmatischen Dialog zwischen der Kritischen Theorie und dem französischen Poststrukturalismus. Anstatt diese beiden Theorietraditionen in einem polemischen Entweder-oder zu diskutieren, untersucht der Band Korrespondenzen und verborgene Verbindungswege jenseits der starren Lagerbildung zwischen Paris und Frankfurt.

Der Titel fungiert als philosophische Chiffre: Die Flaschenpost symbolisiert die melancholische Hoffnung der Kritischen Theorie, die während des Exils in den USA ihre Botschaft ohne Gewissheit der Rezeption versandte. Die Postkarte steht für die der Sprache und Schrift eingeschriebene Differenz, für Nachträglichkeit und partielle Unlesbarkeit als Ideen poststrukturalistischer Theorie.

Die Beiträge diskutieren Konvergenzpunkte von Autoren beider ‘Schulen’, die durch die Aufklärungskritik verbunden sind: Während die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno die Aporie der Vernunft beschreibt, bietet Foucaults Genealogie eine mikroanalytische Methode der Macht- und Wissensanalyse. Foucault selbst sah sich mit der Frankfurter Schule verbunden, da beide das Problem der Aufklärung als Hauptproblem der modernen Philosophie betrachteten

Ein besonders fruchtbares Feld der Korrespondenz bildet die Krise des modernen Subjekts. Die Kritische Theorie betonte die Entfremdung des Subjekts im verwalteten Spätkapitalismus, während der Poststrukturalismus das Subjekt als Effekt von Sprache, Macht und Begehren dekonstruiert. Diese Auseinandersetzung wurde insbesondere in den feministischen Debatten der frühen 1990er Jahre um Subjektkonstitution und Handlungsfähigkeit virulent, in denen Ansätze der Kritischen Theorie mit an Foucault orientierten Gender- und Sexualitäts-Theorien stritten.

Walter Benjamin erweist sich als zentrale Brückenfigur zwischen beiden Theorietraditionen. Seine Überlegungen zu Allegorie, Mediengeschichte und Moderne ermöglichen Übergänge von einer kritischen Analyse zu Kulturwissenschaften, Medienwissenschaft und Visual Culture. Die Beiträge thematisieren die Rolle der Medialität, die semiotische Analyse der Text-Bild-Konstellation bei Barthes und die Materialität der Bedeutungsproduktion.

Der Band leistet einen entscheidenden Beitrag zur theoretischen Neujustierung des kritischen Projekts: Die radikale Botschaft der Kritischen Theorie benötigt die dezentrale, diskursanalytische Präzision des Poststrukturalismus, um ihre gesellschaftskritische Substanz zu bewahren und nicht in der akademischen Institutionalisierung neutralisiert zu werden. Die ethische Schärfe der Kritischen Theorie, die sich in der Thematisierung der Leiderfahrung manifestiert, wird durch die diskursanalytischen Instrumente für die spätkapitalistischen Verhältnisse fruchtbar gemacht.

Inhalt

  1. Zur Gegenwärtigkeit Benjamins im Poststrukturalismus

  2. Zur Politik der Diskurse: Kritische Theorie – Psychoanalyse - Diskurstheorie

  3. Massenkultur – Kommunikationstheorie – Mediengeschichte

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Gershom Scholem. Literatur und Rhetorik