Fünfzig Jahre danach. Zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus

Für die "Insel Schweiz" blieben - oberflächlich betrachtet - die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 ohne Folgen. Die Zeit von Krieg, Verfolgung und Vernichtung erscheint auch für das übrige Europa als abgeschlossene historische Periode: Begriffe wie "Neuanfang", "Wiedergutmachung" oder "Vergangenheitsbewältigung" zeugen davon. Der Zivilisationsbruch aber, der durch die Vernichtung der Juden in der deutschen und europäischen Kultur entstand, deutet auf etwas Unabschliessbares, auf eine bleibende Virulenz dieser Ereignisse.

Die vielen Berichte von Überlebenden, die erst in den letzten Jahren erschienen sind, konfrontieren uns mit dem langen Schweigen, mit den "Dauerspuren der Erinnerung" und den Phänomenen der Traumatisierung, die sich auch in der zweiten und dritten Generation fortschreiben. Auch die gegenwärtige Wiederkehr nationalistischer und rassistischer Ideologien ist ein Phänomen der Nach-geschichte des Nationalsozialismus.

Bei der Frage, wie Nazismus und Shoah als Bezugspunkte in der kulturellen und wissenschaftlichen Reflexion heute vorkommen, stehen die Traditionen des Wissens und der Methodenzur Debatte. Hat die Ideologie des Nationalsozialismus nach 1933 sehr rasch die Betrachtungsweise und Begrifflichkeit vieler Disziplinen beeinflußt, so ist die Aufarbeitung dieses Stückes Wissenschaftsgeschichte bis heute durch vielfältige Tabus verstellt. Referentinnen und Referenten aus verschiedenen Ländern fragen nach verdeckten Kontinuitäten und nach den Spuren des Nationalsozialismus in Sprache, Bildern und Deutungsmustern ihrer Kultur.

Schließlich geht es auch um den Zusammenhang zwischen Vergessen und Erinnern und um die Formen des Gedenkens, wobei das notwendigerweise geteilte Gedächtnis von Christen und Juden bzw. Deutschen und Juden zur Diskussion steht.

Diese Publikation basiert auf der interdisziplinären Ringvorlesung von Universität und ETH Zürich: "50 Jahre danach - Zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus in verschiedenen Kulturen, Fächern und Diskursen".

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Darin enthalten:

Sigrid Weigel: “Shylocks Wiederkehr. Die Verwandlung von Schuld in Schulden oder: Zum symbolischen Tausch der Wiedergutmachung”

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Gedächtnis, Geld und Gesetz. Zum Umgang mit der Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges