[mosse lecture] - Figurationen von Stimme und Ohr
Ein wechselweises Sprechen und Hören in der Gegenwart zweier Personen von Angesicht zu Angesicht: das gilt als idealtypische Gesprächssituation. Dagegen ist die Konstellation von Stimme und Ohr signifikant asymmetrisch. Obwohl die Aktivität bei der/dem Sprechenden liegt, gebietet das Ohr über die Rede. Dessen Ort und Instanz entscheiden über die Art des Hörens – erhören, zuhören, anhören, lauschen, verhören, aushorchen – und weisen den Betenden, Pönitenten, Patienten, Zeugen oder Delinquenten den ihnen angemessenen Sprechakt zu.
Die Stimme - Vor der Sprache und über sie hinaus
Anlässlich der Ausstellung über “Sprache” im Deutschen Hygiene-Museum Dresden vom 24. September 2016 bis 20. August 2017.
Zwischen Rauschen und Offenbarung: Zur Kultur- und Mediengeschichte der Stimme
Herausgegeben von Friedrich Kittler, Thomas Macho und Sigrid Weigel. Berlin: Akademieverlag 2002 (Einstein Bücher)
In der modernen Öffentlichkeit wird die Stimme als das Medium einer demokratischen und sozialen Ordnung betrachtet. Sie steht im Zentrum eines umfangreichen Wortfeldes: Stimmrecht, Abstimmung, Volkes Stimme, eine Stimme haben oder die Stimme ergreifen. Ähnlich prominent ist die Stimme im übertragenen Sinne, in der gegenwärtigen Kultur- und Literaturtheorie. Sei es in der berühmten Frage: „Wer spricht?“, im Konzept der Polyphonie oder der Intertextualität, in dem es um das Echo der Zitate in der Kunst geht.