[mosse lecture] - Figurationen von Stimme und Ohr
Aufzeichnung der MOSSE LECTURE von Sigrid Weigel am 2. Februar 2023: »Figurationen von Stimme und Ohr: der Beichtstuhl – die Couch – das Programm« Einführung und Gespräch: Stefan Willer.
Zum Vortrag: Ein wechselweises Sprechen und Hören in der Gegenwart zweier Personen von Angesicht zu Angesicht: das gilt als idealtypische Gesprächssituation. Dagegen ist die Konstellation von Stimme und Ohr signifikant asymmetrisch. Obwohl die Aktivität bei der/dem Sprechenden liegt, gebietet das Ohr über die Rede. Dessen Ort und Instanz entscheiden über die Art des Hörens – erhören, zuhören, anhören, lauschen, verhören, aushorchen – und weisen den Betenden, Pönitenten, Patienten, Zeugen oder Delinquenten den ihnen angemessenen Sprechakt zu. Die Hoffnung, ein geneigtes Ohr zu finden, oder die Verheißung, ge- oder erhört zu werden, fordern eine Unterwerfung unter die Autorität oder das Wissen der hörenden Instanz. Deren Macht ist nicht selten mit einer symptomatischen Unsichtbarkeit verbunden: ganz Ohr, aber ohne (sichtbaren) Körper, – wie auf antiken Weihtafeln und Ohrenstelen für ‚erhörende Götter‘ zu sehen. Wenn menschliche Instanzen in dieses Szenario eintreten, bleiben sie oft verborgen, z.B. hinter dem Gitter des Beichtstuhls, im Rücken des Patienten in der Analyse, am anderen Ende der medialen Leitung. Diese Verborgenheit wird in der digitalen Stimmanalyse, bei der Algorithmen zur Sprecheridentifikation und Emotion Detection eingesetzt werden, total.