Die Stimme der Medusa. Schreibweisen in der Gegenwartsliteratur von Frauen.

Wenn im Titel des 1987 erschienen Buches von der Stimme der Medusa die Rede ist, dann durchaus im Sinne der vom Mythos erzählten Konstellation: Ihr eigenes Gesicht kann Medusa nur im Spiegel sehen, der ihr von Perseus vorgehalten wird, während sie selbst stumm und erstarrt ist. Die Stimme der Medusa steht damit für den Aufbruch aus dieser Position. Wenn Frauen das aus der herrschenden Redeweise und Überlieferung Ausgeschlossene zur Sprache bringen wollen, dann müssen sie den Ort, von dem aus gesprochen wird, einnehmen. Aber, dort sind sie immer schon die Beschriebenen. Die Sprache und Schreibweise von Frauen ist nichts einfach Gegebenes oder zu Konstruierendes, sondern eine Bewegung, der ein ständiger Perspektivwechsel einhergeht. Diese Prämisse bildet den Ausgangspunkt für die Frage nach den spezifischen Schreibweisen in der Gegenwartsliteratur von Frauen.

Das Buch unternimmt einen theoretisch reflektierten Durchgang durch die Literatur weiblicher Autoren, die in den 1970er und 198er Jahren unter dem Titel der “Frauenliteratur” einen enormen Aufschwung erlebte, und ein kritisches Resümee der Entwicklung seither. Da mit dieser Bezeichnung diese Literatur aber zum bloßen Appendix der ‘eigentlichen’ Literatur wird, betrachtet die Studie die Genese der ‘Frauenliteratur’ als Ereignis, um dessen Voraussetzungen sowie Selbstverständnis und Wahrnehmung der ‘Frauenliteratur’ zu befragen. Zu den Voraussetzungen gehört die politische Frauenbewegung ebenso wie die Ausblendung der Publikation von Autorinnen, die vor der ‘Frauenliterautur’ schrieben.

Stand am Beginn dieser Bewegung der Anspruch im Mittelpunkt, Erlebnisse einzelner Frauen als verallgemeinerbare weibliche Erfahrung darzustellen, so wurden die Publikationen bald vielgestaltiger und eigen-sinniger und das Spektrum weiblicher Figuren und Lebensentwürfe vielfältiger. Und ging es zunächst vor allem um die Beschreibung des realen Lebenszusammenhangs gegenwärtiger Frauen, so verfolgen immer mehr Texte die Spuren der weiblichen Kulturgeschichte: mit einem mythischen Personal (wie Antigone, Medea, Kassandra), historischen Frauen, Musen und Frauenbildern neben heutigen Gestalten und Selbstentwürfen. Das Programm einer “Überwindung der Sprachlosigkeit” steht theoretischen Überlegungen gegenüber, die das Verhältnis der Frauen zu Sprache, Körper, Sexualität und zu den überlieferten literarischen Konventionen (wie Erzählmuster, Perspektive, Metaphorik etc.) von Grudn auf neu denken.

Die Fülle und Vielfalt der Gegenwartsliteratur wird im Hinblick auf spezifische Motive und Muster systematisch erörert:

  1. Zum Paradox der ‘Frauenliteratur’

  2. Zur Genese der ‘Frauenliteratur’

  3. ‘Politik in erster Person’

  4. Von der ‘neuen Subjektivität’ zur Subjektkritik

  5. Geschichte und Geschichten von Frauen

  6. Wider den Zwang zum Positiven – negative Textpraktiken

  7. Theoretischer Exkurs: Kritische Überlegungen zur Konstitution des Weiblichen als ‘Metapher des Metonymischen’, als Verfahren oder Schreibweise

  8. Liebe – nichts als ein Mythos?

  9. Mythos-Bezug und Geschichtserinnerung

  10. Literaturgeschichte in Bewegung

Das Buch ist über das Internet Archive abrufbar.

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Topographien der Geschlechter. Kulturgeschichtliche Studien zur Literatur.

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Zur Literatur und Kulturgeschichte in Ost und West (April 1989)