Topographien der Geschlechter. Kulturgeschichtliche Studien zur Literatur.
“Auch der Satz ist ein Körper.” Diese Vorstellung von Hans Bellmer entstammt ebenso wie dier Ernst Jüngers Satz “die Städte sind weiblich und nur dem Sieger hold” einem männlichen Schöpfungsmythos. In ihm entwirft sich, wie Walter Benjamin gezeigt hat, der Autor/ Meister als “männlicher Erstgeborener des Werks, das er einstmals empfangen hat”. Der aus diesem Vorgang verdrängte Frauen-Leib – so eine zentrale These des Buches – wird im Text oder Kunstprodukt durch einen symbolisierten Körper oder sexualisiertes Sprachmaterial ersetzt. ____________
Das 1990 erschienene Buch entwickelt theoretische Grundlagen zu den Gender Studies in der Literatur- und Kulturwissenschaft, die in den 1980er Jahren an deutschen Universitäten ihr Profil gewannen: als Antwort auf die blinden Flecken der etablierten Fachwissenschaften, die nicht nur den Ausschluss weiblicher Autoren aus dem Kanon ignoriert, sondern mit ihren Methoden, Interpretationen und Werturteilen aktiv an der ideologischen Befestigung der herrschenden Geschlechterordnung mitgewirkt haben. Ziel ist es, die Frauenforschung in eine theoretisch fundierten Kultur- und Genderforschung zu überführen. Anhand von Fallstudien wird das Verhältnis von Geschlecht, literarischer Repräsentation und Topographie in der europäischen Kulturgeschichte untersucht, dies insbesondere im Blick auf die Position der kulturell und sexuell markierten ‘Anderen’. Vor dem Hintergrund extrem unterschiedlicher Orte von Frauen und Männern in der europäischen Zivilisationsgeschichte werden jene unauslöschlichen Spuren beleuchtet, die deren historisch zugewiesene, asymmetrische Positionen in Schrift und Metaphorik, in Denkmustern und Diskursfiguren hinterlassen haben und sich in den dominanten Praktiken der Bedeutungskonstitution manifestieren. Zu diesen Praktiken gehört die geschlechtsspezifische Codierungen der Topographien, wie sie in den Diskursen und Bildern von Stadt und Wildnis kenntlich werden. Die Stadt erfährt eine Sexualisierung über die Analogisierung von urbanem Raum und weiblichem Körper, exemplarisch im Topos der Hure Babylon. Die Natur und Landschaft werden in kolonialen und hegemonialen Narrativen als zu beherrschendes, zu kartierendes und zu eroberndes Territorium dargestellt, das dem männlichen Blick und der Rationalität unterwerfen werden müssen. Damit geht es im Kern um die Ordnung und Topographie der Geschlechter in der Dialektik der Aufklärung.
Neun exemplarischen Studien thematisieren literarische Geschlechterverhältnisse im Zusammenhang von Verfahrensweisen der Zivilisationsarbeit, Verkörperung und Kolonisierung. Die Konstellationen der Darstellung sind:
1. Schrift -Körper, 2. Wildnis - Stadt, 3. Literaturwissenschaft.
Thematisiert werden Texte von: Honoré de Balzac, Hans Bellmer, Walter Benjamin, Georg Büchner, Italo Calvino, Denis Didero, Friedrich Hölderlin, Ernst Jünger, Heiner Müller, Christine de Pizan, J.-J. Rousseau, Ginka Steinwachs, Unica Zürn.