Briefwechsel mit Gretel Adorno (2005) Gesammelte Briefe Bd.6 (2000)

Rezension des Briefwechsels in: SZ 6.8.2005

Rezension von Bd. 6, in: Literaturen 01/2001

Dokument einer außergewöhnlichen Freundschaft: Walter Benjamins Briefwechsel mit Gretel Adorno

Fünf Jahre nach Abschluß der sechsbändigen Ausgabe mit Briefen Walter Benjamins wartet das Herausgeberteam Gödde und Lonitz mit einer Überraschung auf. Zwar sind die darin publizierten Briefe Benjamins nicht neu, vieles davon ist schon mehrfach gedruckt: in verschiedenen Briefausgaben und ausschnittweise, soweit es die Genese seiner Schriften betrifft (hier vor allem die Texte im Umfeld der Passagen) im Kommentarteil der Werkausgabe. Jedoch erscheinen seine Briefe im Lichte der Gegenbriefe in einer anderen Färbung – und manchmal wie neu. Die Gegenbriefe, das sind die bisher unveröffentlichten Briefe von Gretel Adorno. Zwar war die Verbundenheit zwischen Benjamin und Gretel Karplus bekannt, auffällig durch den ganz eigenen Ton in der Korrespondenz. Doch musste vieles an der Beziehung rätselhaft bleiben, solange man nur seine Briefe an sie lesen konnte. So wird mancher sich etwa gefragt haben, wie es Benjamin gelungen ist, die vertraute Nähe zu ihr aufrechtzuerhalten durch die Jahre und alle Klippen seiner Beziehung zu Adorno hindurch (mit dem Gretel seit 1937 verheiratet war), mehr noch durch die Konflikte mit dem „Institut für Sozialforschung“ um seine in deren Zeitschrift publizierte Aufsätze.

 Ebenso bekannt war die Dramaturgie ihrer fingierten Namen, die exklusiv nur in diesem Briefwechsel benutzt werden und ihm einen eigenen Ton verleihen: Er heißt hier Detlef, nach einem seiner Pseudonyme, das er ab 1933 für seine Veröffentlichungen wählte. Sie wird nur hier Felizitas genannt, nach einer Figur aus dem Theaterstück „Ein Mantel, ein Hut, ein Handschuh“ von Wilhelm Speyer, an dem Benjamin mitgearbeitet hatte. Der Name ist eine Anspielung auf die Handschuhfirma, die die zehn Jahre jüngere, in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsene, promovierte Chemikerin in Berlin von 1933 bis 37 leitete. Durch den vorliegenden Briefwechsel erhalten wir erstmals ein genaueres Porträt von dieser Frau. Ihre Stellung erlaubte es ihr, Benjamin hin und wieder über die ärgste Not hinweg zu helfen. Wenn die postalischen Geldüberweisungen, die vor allem während der ersten Exiljahre nach Ibiza oder Paris gingen, im Briefwechsel erwähnt werden, ist nie direkt vom Geld die Rede, sondern stets von „rosa Zettelchen“ oder „Blumenmustern“. Mit dieser Andeutungssprache weiß sie zu verhindern, dass die Kränkungen der Armut, die zu lindern sie beitragen möchte, durch jene Kränkungen, die der Bittsteller empfindet, zunichte gemacht werden.

Eine ähnliche Empfindlichkeit belegt ihre Frage, ob sie nun nicht eigentlich den Namen Felizitas ablegen müsse, als er mitteilt, dass seine Bemühungen um den ihm zustehenden Tantiemen-Anteil am Speyerschen Theaterstück endgültig vergebens waren. Solche Vergeblichkeiten stellen einen der profanen Akte im deprimierenden Trauerspiel der mühsamen Sicherung bescheidenster Existenz- und Arbeitsbedingungen dar, das auch dieses biographische Dokument aus dem letzten Jahrzehnt im Leben Benjamins beherrscht. Doch gerade für die Belange des alltäglichen Lebens spielte die Briefpartnerin eine Hauptrolle. Ihr gibt er Einblick in seine Lage und den Stand seiner Arbeiten, mit ihr tauscht er ständig Bücher und Leseeindrücke, mit ihr wechselt er Berichte über das gegenseitige Befinden. Sie schickt ihm Papier, besorgt ihm entlegenen Titel und Zeitschriften; bei ihr hat er einen Teil seiner Bibliothek und Unterlagen deponiert, nachdem er seine Berliner Wohnung hatte aufgeben müssen. Und sie berichtet ihm in seine zunehmende Vereinsamung von Bekannten und Freunden in Berlin. In dieser Hinsicht allerdings wendet sich mit dem Fortschreiten des NS-Regimes, durch das viele Intellektuelle und Juden ins Exil getrieben wurden, das Blatt. „Immer mehr Leute ziehen fort“, klagt sie im Oktober 1935.

 Doch vertraut Gretel Karplus dem Freund auch ganz andere Klagen an, auch diese exklusiv. Wäre Benjamin der mehrfach von ihrer Seite geäußerten Aufforderung gefolgt, die Blätter zu vernichten, dann erführen die Leser des jetzt publizierten Briefwechsels etwas weniger von ihren Geheimnissen. Doch auch in diesem Fall enthüllte er noch eines jener zahlreichen Geheimnisse, die oft in Hinterlassenschaften und Nachlässen schlummern, - bis sie ediert werden. Die Aufhebung des Briefgeheimnisses, die jeder Briefedition einhergeht, macht uns in diesem Falle nicht nur zu Voyeuren, sondern zu Komplizen. „Unser Geheimnis“, so nennt Gretel die selbstgewählten Namen und das Du, ein Geheimnis, das sie immer wieder bespricht, wenn nicht beschwört, ebenso wie „unser intensives Beisammensein 1932/33“ oder „die letzten Stunden im Berliner alten Westend.“ Was in ihren Worten wie das Ende einer Epoche erscheint, der Vorabend des Dritten Reiches, bezieht sich auf jene Wintermonate vor Benjamins Weggang aus Berlin, auf die der Beginn ihrer Freundschaft zurückgeht, die sich danach - mit Ausnahme weniger kurzer Begegnungen – ausschließlich im Medium des Briefwechsels abspielt. Die Tatsache, dass die räumliche Distanz das Gefühl der Nähe und die Sehnsucht steigert, wird von ihr durchaus reflektiert, ebenso das Vergnügen an der Heimlichkeit und dem Versteck.

 Vor allem vor Adorno – sie spricht von Teddie, er von Wiesengrund - weiß Gretel Karplus das Geheimnis zu schützen. Sie kündigt die Zeiten seiner Berlinbesuche an und nennt Benjamin auch mal eine andere Postadresse, an die er ihr schreiben soll. Insofern handelt der Briefwechsel von einer nicht unkomplizierten Dreierbeziehung. Die Dramaturgie der Anreden und die Art und Weise, wie das Ich/Du sich zum Du/Wir (Felizitas und Teddie) oder auch mal zum Ich (Felizitas)/ Ihr (Detlef/Teddie) wandelt, gehört zu jenen Momenten, die die Lektüre des Briefwechsels zum Vergnügen machen. Nicht nur weil seine Briefe bereits bekannt sind, sorgt vor allem ihr Anteil an der Korrespondenz für Überraschungen, sondern auch weil sie die Aktivste in der Gestaltung der Dreierkonstellation ist. Vor allem in den ersten zwei Korrespondenzjahren scheint die Beziehung für sie tendenziell eine Liaison dangereux für ihre Verbindung mit Teddie gewesen zu sein, mit dem sie seit 1924 verlobt war. Kaum hat sie ihre Zeilen emotional aufgeladen, muss sie die Beziehung neutralisieren, - wobei sie auch schon mal zu problematischen Bildern greift wie z.B. dem, daß sie Benjamin adoptieren wolle, während sie Adorno als ihr „Sorgenkind“ bezeichnet - , worauf Benjamin sie in der ihm eigenen, feinen Ironie aufmerksam macht: „Ein Sorgenkind und ein Adoptivkind. Sehnen Sie sich nicht manchmal nach einem Erwachsenen? Den könnte ich bei Ihnen schon vertreten, wenn Sie gegenwärtig wären“. Doch eine gemeinsame Gegenwart wird von ihrer Seite nahezu systematisch verhindert, indem sie geplante Besuche oder Treffen immer wieder aufschiebt, um andererseits ihre Sehnsucht danach zum Ausdruck zu bringen.

Eine signifikante Veränderung der Konstellation wird in den Briefen in dem Maße erkennbar, wie es Gretel durch geschickte Diplomatie gelingt, den intellektuellen Austausch zwischen den Männern zu vermitteln und ihre Freundschaft zu Benjamin in ihre Beziehung zu Adorno zu integrieren. Jetzt verwandelt sich Benjamin für sie zum exklusiv Vertrauten, dem sie ihre Zweifel und Ängste, ihre Enttäuschungen und ihre Einsamkeit anvertraut. So klagt sie z.B. über ihr ewiges Warten auf Adorno, ein Abwarten, das so gar nichts mit jenem Warten gemein hat, das Benjamin im Surrealismus-Essay als „profane Erleuchtung“ gewertet hat. So meldet sie nach zehnjähriger Verlobungszeit im Oktober 1934: „noch immer alles beim Alten.“ - Im gleichen Augenblick, wie Benjamin zum Vertrauten wird, ist zu beobachten, wie sich die Dreiecks- in eine Vierecksbeziehung verwandelt. Als nämlich Gretel sich auf eine Affäre mit Egon Wissing einlässt, an deren Zustandekommen ausgerechnet Benjamin nicht unschuldig ist, weil er ihr seinen alten Freund als Arzt empfohlen hatte, und die die einzige wirkliche Irritation in der fast zehnjährigen Korrespondenz hervorruft. Die „tollen 3 Monate in Berlin“, die sie mit ihm erlebt, werden erst nachträglich von ihr in aller Klarheit benannt, wenn sie ihn z.B. als „Gegenkandidaten“ bezeichnet, ein Mann, der in ihr ganz offensichtlich ambivalente Gefühle ausgelöst hat, draufgängerisch und unzuverlässig zugleich. Ihr wiederholtes Drängen, von Benjamin mehr über seine Vergangenheit zu erfahren und sich mit ihr über ihn auszutauschen, signalisiert die anhaltende Faszination, die er auf sie ausgeübt. Und hier bewährt sich das Vertrauen; ihre Bitte um Diskretion ist bei Benjamin überflüssig.

 Der Briefwechsel liest sich vor allem als Dokument einer außergewöhnlichen Freundschaft, welche die verschiedenen Stadien im Bedeutungsspektrum des Besonderen durchläuft. Am Anfang steht die Aura des „Originellen und Einzigartigen“, dann wird Benjamin zum „großen Bruder und „zärtlichen Beichtvater“. Aus der geheimen Korrespondenz droht für kurze Zeit, nachdem Gretel und Theodor Adorno geheiratet haben und nun eine Wohnung, also auch eine Postanschrift teilen, eine bloße „Sonderkorrespondenz“ zu werden, Anhängsel zur eigentlichen zwischen Teddie und Walter, die bis zum Schluß das Sie nicht aufgeben werden:  eine Art Postskriptum von Felizitas an Detlef, das den Briefen Adornos angefügt ist. Es ist die Zeit, nachdem sie das Geschäft aufgegeben hat, mit Adorno erst nach London, dann nach New York gegangen ist, wo sie darum kämpft, nicht nur als „Anhängsel von Teddie“ wahrgenommen zu werden. Bis der von Teddie gesonderte Briefwechsel zwischen Detlef und Felizitas wieder aufgenommen wird und sich die „Sonderstellung unserer Freundschaft“ durchsetzt.

 Sigrid Weigel

 

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Walter Benjamin. Die Kreatur, das Heilige, die Bilder

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Cuerpo, Imagen y Espacio en Walter Benjamin. Una Relectura.