Vom Mitgefühl

Der Vortrag fragt nach der Bedeutung des Mitgefühls für die menschliche Existenz. Ausgehend von Hans Blumenbergs These, dass der Mensch “das Wesen ist, das sich hätte misslingen können und noch misslingen kann”, wird das Vermögen zum Mitfühlen als fundamentale Bedingung der Conditio Humana untersucht – gleichrangig neben der Vernunft.

Am Beispiel des Osloer Attentats von 2011 wird analysiert, wie Mitgefühl durch systematische Isolation und den Verzicht auf Face-to-Face-Begegnungen verlernt werden kann. Diese “dehumanisierenden Anthropotechniken” stehen in Spannung zu neurowissenschaftlichen Erkenntnissen über die phylogenetische Verankerung empathischer Fähigkeiten und deren Entwicklung in frühkindlicher mimischer Interaktion.

Als Gegenphänomen wird die seit den 1990er Jahren entstandene öffentliche Trauerkultur des “Public Crying” betrachtet: spontane gemeinschaftliche Rituale an Orten von Terroranschlägen und Unglücken, die eine neue Form gelebter Compassio darstellen.

Die Untersuchung verbindet begriffsgeschichtliche Perspektiven auf Mitleid, Compassio und Empathie mit einer Analyse verkörperter Affektausdrücke. Im Anschluss an Aby Warburgs Konzept der Pathosformeln zeigt sich, dass heutige Trauergebärden erstaunliche Kontinuitäten zu antiken und frühneuzeitlichen Darstellungen aufweisen – Ausdruck einer in den Leib eingeschriebenen Affektkultur.

Die zentrale These lautet demnach: Das Mitgefühl entsteht aus der Fähigkeit zum gemeinsamen Trauern. Ob dieses Vermögen der gegenwärtigen Gefährdung des “Projekts Mensch” genügend entgegenzuhalten hat, bleibt eine offene Frage.

Der Hamburger Vortrag ist hier als Video abrufbar oder direkt hier über den Player:

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Empathy. Epistemic Problems and Cultural-Historical Perspectives of a Cross-Disciplinary Concept