Hannah Arendts “Wir Flüchtlinge” als Präambel zu ihrer politischen Theorie

F.A.Z, 29. November 2025, Bilder und Zeiten, S. Z5

Achtzehn Jahre staatenlos

Hannah Arendts "Wir Flüchtlinge" als Präambel zu ihrer politischen Theorie

 Von Sigrid Weigel

 Das Interesse an Hannah Arendt hat nie nachgelassen, sich in den letzten Jahren aber deutlich verstärkt - und dies nicht nur im Vorfeld ihres fünfzigsten Todestags am 4. Dezember 2025 und hundertzwanzigsten Geburtstags im September 2026. Es sind eher ihre Themen, die so aktuell sind wie wohl nicht mehr seit Ende des Zweiten Weltkriegs: Totalitarismus,Macht und Gewalt, Menschenrechte, die Schwierigkeit von Urteilen und Handeln, die gefährdete conditio humana. Ein Text aber, der die Voraussetzungen ihrer nach der Emigration in die USA 1941entstandenen politischen Theorie thematisiert, der 1943 im "Menorah Journal" publizierte Aufsatz "We Refugees", ist dabei weitgehend im Schatten geblieben. Erstmals 1986 in deutscher Übersetzungerschienen, hat auch die Neuausgabe 2016, im Jahr nach der sogenannten Flüchtlingskrise, wenig mehr Resonanz gefunden.

 Dieser Artikel ist meines Wissens der einzige, in dem Arendt durchgehend mit einer Wir-Stimme spricht, um Erfahrungen von Exilierung, Staatenlosigkeit und die Zumutungen der Assimilationspolitik zu diskutieren, die sie am eigenen Leibe erlebt hat. Wie in keinem anderen Text wird hier der historische wie persönliche Erfahrungsgrund ihres Denkens erkennbar, dem ihre radikale Art erwächst,Schlüsselbegriffe der europäischen Geschichte und politischen Theorie von Grund auf neu zu denken. Die Zeitgeschichte habe eine neue Gattung Menschen geschaffen, "die von ihren Feinden in Konzentrationslager und von ihren Freunden ins Internierungslager gesteckt werden", so Arendt. Mit seiner Unmittelbarkeit zum selbst Erlebten kommt dem Text eine ebensolche Bedeutung zu wie ihrem"Denktagebuch", diese 1950 einsetzenden, mehrheitlich deutsch geschriebenen Aufzeichnungen, in denen sich die Genese von Arendts Fragen, Ideen und methodischen Überlegungen in statu nascendi studieren lässt.

 Bei internationalen Konferenzen zu Arendt hatte ich häufig den Eindruck, dass Kollegen aus den USA über eine andere Denkerin sprechen. Dass Arendt in den USA vor allem als Autorin politischerTheorie und in Deutschland eher als Philosophin gilt, hat auch mit Arendts Texten selbst zu tun. In den deutschen und englischen Versionen ein und desselben Buches oder Artikels fallen nicht seltenetliche Abweichungen auf. Das betrifft besonders jene Schriften, die Arendt selbst übersetzt hat, manchmal auf der Basis von Rohübersetzungen anderer. Ihre Praxis der Selbstübersetzung lässt sich am besten an den Büchern studieren, die sie auf Englisch geschrieben ins Deutsche übersetzt hat: "The Human Condition" (1958) und "Vita activa oder vom tätigen Leben" (1960) sowie "On Revolution" (1963) und "Über die Revolution" (1965). Verwickelter ist die Sache bei der Totalitarismus-Studie. Auf der Basis etlicher deutsch geschriebener Teile entstand das englische Manuskript "The Origins of Totalitarianism" (1951), das die Autorin dann mithilfe einer Rohübersetzung für "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" (1955) stark umgearbeitet hat.

 Zwischen beiden Sprachen gibt es erkennbare Unterschiede in Stil, Tonfall, Metaphorik und Anspielungen. Arendts Werk ist somit genuin zweisprachig; es besteht aus deutsch und englisch verfassten Schriften und ihren selbstübersetzten Texten. Dass ihre Schreibweise im Deutschen literarischer war, wusste Arendt selbst am besten. Im Fernseh-Interview mit Günter Gaus 1964 erläutert sie die poetische Prägung ihres muttersprachlichen Gedächtnisses: "Im Deutschen kenne ich einen ziemlich großen Teil deutscher Gedichte auswendig. Die bewegen sich da immer irgendwie im Hinterkopf - in the back of my mind." Selbstübersetzung war bei Arendt eine kreative Schreibpraxis an der Schwelle zweier Sprachen und Denkweisen, die sich jeweils an eine andere intellektuelle und politische Kultur adressiert, ein fortlaufender Prozess des Umschreibens und Durcharbeitens. Leider aber steht eine synoptische zweisprachige Edition der betreffenden Werke, an der sich das genauer studieren ließe, aus.

 Arendts zweisprachiges Schreiben fällt in die Phase der Metamorphose einer Philosophin und Emigrantin zur Theoretikerin des Politischen. Der Publikation der Totalitarismus-Studie 1951 gingen unzählige Artikel in amerikanischen Zeitschriften voraus, die sich mit den Erfahrungen des Exils und brennenden Fragen der letzten Kriegsjahre und Nachkriegsjahre auseinandersetzen. Im Pariser Exil hatteArendt sich unermüdlich für die Rettung jüdischer Flüchtlinge eingesetzt, allen voran für die Ausreise von Kindern und Jugendlichen nach Palästina, - ein Engagement, das Thomas Meyers Biograpie zuRecht als Beleg der "Liebe zu ihrem Volk" wertet, die ihr später von Gershom Scholem wegen des Eichmann-Buches abgesprochen wurde. Durch diese praktische politische Arbeit waren der Antisemitismus und die "jüdische Frage" für sie zum drängendsten Anliegen geworden. Es entstand ein umfangreiches Manuskript zur Geschichte des Antisemitismus, der sich auch einer ihrer ersten Artikel in den USA widmet, "From the Dreyfus Affair to France Today" (1942). In anderen Artikeln der Vierzigerjahre geht es um Fragen von Schuld und universeller Verantwortung, um Imperialismus, Nationalismus, Chauvinismus, um das System der Konzentrationslager und immer wieder um die Zukunft der Juden und Araber in Palästina.

 Von erschreckender Aktualität ist ihr Artikel "Zionismus Reconsidered" (1945), der auf den (von der Zionistischen Weltkonferenz übernommenen) Beschluss der amerikanischen Zionisten antwortet: die Forderung nach einem "freien und demokratischen jüdischen Gemeinwesen", das "ganz Palästina ungeteilt und ungeschmälert umfassen soll". Arendt wertet dies als Wendepunkt in der Geschichte des Zionismus, der über das Biltmore-Programm von 1942 hinausginge, in welchem "die jüdische Minderheit der arabischen Mehrheit Minderheitenrechte zugestanden hatte", während jetzt "die Araber inder Entschließung einfach unerwähnt" blieben. Ihr Text setzt sich kritisch mit der Idee eines jüdischen Nationalstaates, mit der Geschichte des Nationalstaates und dem Nationalismus auseinander, analysiert die geopolitischen Bedingungen für ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina und schlägt als alternative politische Organisationsform eine Föderation vor, die "dem jüdischen Volk, zusammen mit anderen kleinen Völkern, eine gewisse Chance zum Überleben bieten würde". Werde dieses "aber gegen den Willen der Araber und ohne die Unterstützung der Mittelmeervölker proklamiert werden,dann wird nicht nur finanzielle Hilfe, sondern auch politische Unterstützung noch für lange Zeit nötig sein". Ihre weiter gehenden, geradezu prophetischen Befürchtungen hat Arendt nur dem Brief an einen Freund anvertraut. Im Juli 1942 gesteht sie dem Herausgeber der "Review of Politics", Waldemar Gurian (dessen Briefwechsel mit Arendt Meyers Biographie erschlossen hat), sie habe ein "unaussprechliches Grauen vor dem Schlachten, das dort beginnen wird, und einen ebenso großen Ekel vor den schönen Reden, mit denen wir es begleiten werden".

 In den Artikeln aus ihrem ersten amerikanischen Jahrzehnt nimmt der Flüchtlingsessay eine Sonderstellung ein: als erfahrungs- und erkenntniskritische Vorrede zur Arendt'schen Theorie des Politischen, die in der Frage nach der conditio humana gründet. Der Text entfaltet eine ebenso komplexe wie schonungslose Analyse der Situation von Flüchtlingen, die aus Nazideutschland und aus den von Deutschen besetzten Gebieten geflohen waren, und den fundamentalen Bedeutungswandel im Begriff "Flüchtling", aus dem ein Bruch im Konzept des "Menschen" erwächst. Die Perspektivewechselt zwischen dem Blick von Betroffenen, die einem radikalen Bruch in ihrem persönlichen Leben ausgesetzt sind, und historischer Analyse, zwischen der Sicht von Individuen, von denenverlangt wird, das frühere Leben zu vergessen und sich optimistisch gegenüber der völlig ungewissen Existenz in der "neuen Heimat" zu verhalten, und der Geschichte von Rechtlosen. Ihr eindringliches Porträt von Flüchtlingen ist das Ergebnis einer subtilen Rhetorik und Komposition, in der die verschiedenen Aspekte durch die besondere Stimme des Essays, die "Wir"-Perspektive, durch eineneinzigartigen Ton und eine Art Leitmotiv zusammengehalten werden, das Motiv eines "ungesunden Optimismus, der Tür an Tür mit der Verzweiflung wohnt".

 Die verbreitete Behauptung, Arendt habe starke Vorbehalte gegenüber der Psychoanalyse gehabt, muss durch den Essay relativiert werden. Hier verbindet sie den genannten Optimismus damit, dassdas frühere Leben des Flüchtlings "in eine Art unbewusstes Exil" verbannt wird, und kontrastiert das Vergessensgebot mit nächtlichen Träumen: "Zumindest nachts denken wir an unsere Toten oder erinnern uns an die Gedichte, die wir einst geliebt haben." Auch das Phänomen der zunehmenden Zahl von Selbstmorden unter Juden im Exil wird mit einer kritischen Bemerkung zum "wahnsinnigen Optimismus" kommentiert: "Mit der Zeit wurde unser Zustand schlimmer - sogar noch optimistischer und noch selbstmordgefährdeter."

 Arendts analytisches Porträt der politischen und menschlichen Lage jener Kollektive, denen sie selbst angehört (Juden, Flüchtlinge, Staatenlosen, Einwanderer) entsteht aus der Mitte der historischenEreignisse, dem Augenblick der Gefahr. Später wird sie diese Erfahrung auf den Begriff bringen, als Fehlen des "Rechts, Rechte zu haben" und als vorenthaltene "Freiheit, frei zu sein". Die Wir-Stimme des Essays ermöglicht ihr eine Art teilnehmender Distanz, um aus der Innensicht eine radikale Kritik an der Politik der Assimilation zu formulieren, die auch das Verhalten der Flüchtlinge nicht schont. Der Text richtet sich zugleich an entgegengesetzte Adressaten, an die Flüchtlinge und an das Einwanderungsland. Dies entspricht der typischen Rhetorik einer esoterisch-exoterischen Schreibweise, wie sie etwa aus der Prosa von Heinrich Heine bekannt ist. Viele Passagen sind von einem auffälligen ironischen oder sogar sarkastischen Unterton geprägt. Während Ironie oft als Aussage missverstanden wird, die "nicht so gemeint" sei, bietet sie vielmehr die Möglichkeit, etwas zu sagen, was im Klartext nicht möglich ist - aufgrund von Rücksicht, Tabu oder Zensur. Im Falle von Arendts Flüchtlingen antwortet ihre Ironie auf die Diskrepanz zwischen dem unsicheren Rechtsstatus und dem sozialen Status als "Niemande" einerseits und den enormen individuellen Bemühungen von Flüchtlingen andererseits, ihre Loyalität gegenüber dem Gastland unter Beweis zu stellen. Die besondere Schreibweise dieses Essays sorgt aber auch dafür, dass die Flüchtlinge nicht nur als passive Opfer erscheinen.

 Arendts Assimilationskritik gipfelt in der Geschichte von Herrn Cohn, einer Geschichte, die alle Merkmale einer Karikatur aufweist und von der Tradition des jüdischen Witzes profitiert. Es ist die Geschichte eines hundertfünfzigprozentigen Deutschen, der sich in einen perfekten Patrioten aller anderen Länder verwandelt, in die er während seiner verwickelten Migrationswege fliehen muss. Indem sie die Geschichte mit der rhetorischen Formel mythologischer Erzählungen einleitet - "Eines Tages wird jemand die wahre Geschichte dieser jüdischen Emigration aus Deutschland schreiben" -, wird diese Erzählung deutlich von der analytisch-argumentativen Spur des Essays unterschieden. Im letzten Absatz ändert sich der Ton auf bemerkenswerte Weise. In Anlehnung an Bernard Lazar führt Arendt das Konzept des "bewussten Parias" ein, als Gegenfigur zu Herrn Cohn, obwohl "die Geschichte beiden den Status von Geächteten aufgezwungen" habe, den Parias und den Parvenüs. Hierspielt Arendt auf die "andere Richtung jüdischer Tradition" an, "die Tradition, in der Heine, Rahel Varnhagen, Scholem Aleichem, Bernard Lazar, Franz Kafka oder selbst Charlie Chaplin stehen". Diese sollte zum Thema ihrer folgenden Arbeit über die "verborgene Tradition" werden.

 An manchen Stellen von "We Refugees" entspricht der sarkastische Ton einer Realität, für die es keine angemessene Sprache gibt, wie etwa in dem Satz: "Die Hölle ist keine religiöse Vorstellung mehr und kein Phantasiegebilde, sondern so wirklich wie Häuser, Steine und Bäume." Anders als in Dantes Divina Commedia, wo am Eingang zum Inferno geschrieben steht "Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet", ist die Hoffnungslosigkeit in Arendts Essay nicht Teil einer Reise in ein imaginäres Totenreich; sie ist die Antwort auf die Hölle auf Erden in den Vernichtungslagern.

 Und so lässt sich Arendts Essay "We Refugees" als Eingangstor zur Ausarbeitung ihrer späteren, desillusionierten Theorie des Politischen lesen. Dort verwandelt sich ihre erfahrungsgesättigte Analyse in die intellektuelle Energie für ein grundlegendes Durch- und Umdenken zentraler Ideen von Politik und Philosophie, das in die Frage mündet, wo und wie das Politische überhaupt entstehe. Wenn dieWir-Stimme in ihren späteren Büchern verschwindet, so kommen doch bestimmte Affekte hier und da in Ton, Rhetorik und in poetischen Bildern zum Ausdruck. Der Essay kann als Präambel zu Arendts politischer Theorie verstanden werden, Manifestation der spezifischen erfahrungsgestützten Prämissen, aus denen ihr späteres Werk hervorgeht - vergleichbar der Präambel einer Verfassung,die deren Voraussetzungen formuliert, ohne doch in den Text selbst einzugehen. "Wir Flüchtlinge" benennt auch den "historischen Index" von Arendts späterem Werk: als historische Momentaufnahme, die tief in ihrem Gedächtnis verankert ist. Die schonungslose analytische Haltung ihrer Schriften, die jedem Wunschdenken abhold ist, erwächst aus der Betrachtung menschlicher Existenz im Zustand radikaler Entrechtung und Entmenschlichung.

 Wenn die Lage der Flüchtlinge und Staatenlosen einen fundamentalen Bruch im Begriff des "Menschen" bewirkt hat, ist es in erkenntnistheoretischer Hinsicht nur konsequent, genau deren Status zumAusgangpunkt zu nehmen, um die Bedingungen des "Menschen" von Grund auf zu denken. In der Schlusspassage von "Wir Flüchtlinge" formuliert Arendt implizit ein Programm ihrer künftigen Arbeit,nämlich aus der Perspektive der aus allen Rechten Ausgeschlossenen Einsichten für die europäische Geschichte im Allgemeinen zu erarbeiten. Dort heißt es: "Die von Land zu Land getriebenen Flüchtlinge repräsentieren die Avantgarde ihrer Völker - wenn sie ihre Identität bewahren. Zum ersten Mal ist die jüdische Geschichte nicht mehr getrennt, sondern mit der aller anderen Nationen verbunden. Die Gemeinschaft der europäischen Völker zerbrach, als und weil sie den Ausschluss und die Verfolgung ihres schwächsten Mitglieds zuließ."

Bildunterschrift: Hannah Arendt (1906-1975), hier aufgenommen imJahr 1969

Foto: Picture Alliance

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