Kritische Edition von Benjamins “Goethes Wahlverwandtschaften”: Rezension
Mit dem Vorhaben einer Kritischen Edition zum Gesamtwerk eines Autors geht nicht selten dessen Historisierung und die Verengung seiner Rezeption auf philologische Expertenzirkel einher. Das gleicht manchmal einem Begräbnis erster Klasse. Dafür besteht im Falle Walter Benjamins keine Gefahr. Die Faszination für seine Ideen und die Auseinandersetzung mit seinen keineswegs leicht zugänglichen Schriften sind heute enorm lebendig. Ging der Kreis seiner Leser immer schon über akademische Kreise hinaus und schloss viele Intellektuelle, Künstler, Filmemacher, Architekten und auch etliche Politiker ein, so ist Benjamin heute, neben Aby Warburg und anderen Kulturwissenschaftlern der ersten Stunde, einer der wirkmächtigsten Exportartikel der deutschsprachigen Ideengeschichte, weit über Europa hinaus.
Auffällig ist das Engagement gerade der jüngeren Generation von Theorie- und Politik-Interessierten, die den alten Schulstreit zwischen Theologie und Marxismus hinter sich gelassen hat. In Anbetracht der um sich greifenden identitätspolitischen Verengung kulturtheoretischer Debatten ist es erfreulich, wenn sich die Suche nach Antworten auf die globalen Verwerfungen der Gegenwart einem Autor zuwendet, der „in Grenzgebieten daheim“ war und dessen keineswegs einheitliches Werk sich nicht in Formeln gießen lässt. Vielmehr verlangt es den Lesern einiges ab. Denn Benjamins Texte sind Zeugnis einer fortlaufenden Arbeit an Methode und Erkenntnistheorie, an seinen Thesen, Begriffen und Bildern.
So auch der Essay „Goethes Wahlverwandtschaften“, in dem Benjamin Überlegungen vorangegangener Texte, etwa zur Methode der Kritik, zu Mythos, Recht und Schicksal, zu Erlösung und Hoffnung und zum „bloßen Leben“, in neuem Zusammenhang, nämlich im Licht von Goethes 1809 erschienenem Roman, weiterdenkt und präzisiert. Das lässt sich nun noch genauer an der neuen Edition des Essays studieren, die in der „Kritischen Gesamtausgabe Werke und Nachlass“ erschienen ist – fünfzig Jahre nach den „Gesammelten Schriften“.
Neben der Druckfassung, die 1924 in zwei Folgen in Hugo von Hofmannsthals Zeitschrift „Neue Deutsche Blätter“ erschien, enthält der Band die Wiedergaben einer Reinschrift von Benjamins Hand und einer frühen Niederschrift, darüber hinaus eine Reihe von Manuskripten mit Entwürfen und einzelnen Konzepten aus der Vorarbeit sowie thematisch verwandte Notizen, etwa zur Theorie der Kunstkritik, zu Schönheit und Schein. Er ist das Ergebnis einer enormen, bewundernswerten Editionsleistung. Das gilt in besonderer Weise für die Rekonstruktion der frühen Niederschrift, an der man die Genese der verflochtenen Motive und Fragen studieren kann, die Benjamins Arbeit verfolgt. Zu der ohnehin schwer entzifferbaren mikrographischen Handschrift Benjamins kam erschwerend das Patchwork aus einzelnen Blättern, auf- oder angeklebten Papierstreifen, Korrekturen, Umstellungen, Einfügungen und rückseitigen Beschriftungen hinzu. Den Herausgebern Martin Kölbel und Ursula Marx, langjährige Mitarbeiterin des Benjamin-Archivs und bestens vertraut mit den Eigenheiten seiner Manuskripte, ist es gelungen, daraus einen lesbaren Text zu erstellen, der die Korrekturen, Einschübe und Streichungen nachvollziehbar macht.
Ebenso wertvoll ist die en détail rekonstruierte Entstehungsgeschichte inklusive der einzelnen Arbeitsschritte. Am Anfang von Benjamins Schreibarbeit stand 1921/22 die Auseinandersetzung mit der Figur von Ottilie, mit ihrer Schönheit und der passiven Art ihres Dahinscheidens, die er schließlich (mit Freud) als Todestrieb deuten wird.
Nur mit ihrem Nachwort haben die Herausgeber dem Verständnis des Textes keinen Dienst erwiesen. Es spielt eher der Legende, es handelte sich dabei um einen vorsätzlich geheimnisvollen, gar mystischen Text, in die Hände, als ihn zu erhellen. Zwar erschließt sich Benjamins Vorhaben einer exemplarischen Kritik, bei der „ein Werk aus sich selbst heraus“ erklärt wird, nicht auf den ersten Blick – der Text will studiert, die Erkenntnisse, die er zu bieten hat, wollen erarbeitet werden. Doch geheimnisvoll ist er keineswegs – jedenfalls nicht, wenn man dem Wink des Autors folgt. Wenn er am Anfang zwischen dem Kommentar, der dem Sachgehalt des Romans gelte, und der Kritik, die dessen Wahrheitsgehalt suche, unterscheidet, benennt er das „Rätsel“ des Letzteren: „das des Lebendigen“. Genau in dieser Frage des Lebendigen fallen das Thema, das Benjamin anhand von Goethes Roman erörtert, und seine Theorie von Kunstwerk und Kunstkritik zusammen: nämlich zum einen die Kräfte, die im Verfall aus der Ehe – als „eine der strengsten und sachlichsten Ausprägungen menschlichen Lebensgehalts“ – hervorgehen, und zum anderen die Bestimmung des Kunstwerks in der Spannung zum Lebendigen.
Das Kunstwerk, das lebendig scheint, höre auf, Kunstwerk zu sein, werde zum bloßen Schein, so Benjamin. Im wahren Kunstwerk müsse das Leben „wie in einem Augenblick gebannt erscheinen“ – woran seine Ausführungen zu Schönheit, Schein und zum Ausdruckslosen anschließen. Letzteres verstanden als kritische Gewalt, welche die Vermischung von Schein und Wesen im Kunstwerk verwehre.
Seine Theorie der Kunstkritik hätte Benjamin auch an einem anderen Text entwickeln können. Dagegen war das Geschehen von Goethes „Wahlverwandtschaften“ für ihn eine Steilvorlage, um seine These zum „Schicksal“ als „Schuldzusammenhang des Lebendigen“ zu vertiefen, die er in seinem 1919 publizierten Text „Schicksal und Charakter“ entwickelt hatte. Die Geschichte der vier Romanfiguren, die das Gleichnis der „Wahlverwandtschaft“ chemischer Elemente, welche neue Verbindungen eingehen, auf ihr eigenes Leben übertragen und mit dieser Angleichung menschlicher Verhältnisse an die Naturgesetze der Elemente nicht nur die Auflösung der Ehe von Charlotte und Eduard herbeiführen, sondern auch eine tödliche Dynamik in Gang setzen – diese Geschichte nutzt Benjamin als Fallstudie, an der er seine Überlegungen aus der „Kritik der Gewalt“ (1921) präzisieren kann: seine Feststellung nämlich, der Mensch falle um keinen Preis mit dem bloßen oder natürlichen Leben des Menschen zusammen, denn der Doppelsinn des Wortes „Leben“ gründe in seiner Beziehung auf zwei Sphären.
Die Analyse von Goethes „Wahlverwandtschaften“ setzt mit einer Kritik von Kants Bestimmung der Ehe als wechselseitiger Besitz der Geschlechtseigenschaften zum Zweck, Kinder zu erzeugen, und dessen Unterscheidung zwischen „natürlichem“ und „unnatürlichem“ Gebrauch der Geschlechtsorgane ein. An die Stelle des Gegensatzes „natürlich/unnatürlich“ tritt bei Benjamin der Zusammenhang von natürlichem und übernatürlichem Leben. So benennt er das, was über das nackte oder bloße Leben hinausgeht – gemeinhin als „Sittlichkeit“ bezeichnet. Im Hinblick auf die Ehe betrifft dieser Lebensbegriff die Spannung zwischen dem Eros als „Dämon der Liebe“ und Merkmal ihrer, der menschlichen Natur eigenen Unvollkommenheit und der „übernatürlichen Dauer der Liebe“, die sich einer Entscheidung verdanke, nicht einer Wahl: „Nur die Entscheidung, nicht die Wahl ist im Buch des Lebens verzeichnet.“
Aus diesem unhintergehbaren Doppelbezug des „Lebens“ leitet sich auch die These vom Schuldzusammenhang des Lebendigen ab, mit der Benjamin die Vorstellung von einer „natürlichen Schuld“ verwirft. Denn erst mit dem Schwinden des übernatürlichen Lebens im Menschen werde sein natürliches zur Schuld – so wie die Romanfiguren durch ihr Wahlverwandtschaftsexperiment an sich selbst schuldig werden. Damit wird Goethes Aussage, er habe „eine chemische Gleichnisrede zu ihrem geistigen Ursprung zurückführen“ wollen, „da doch überall nur eine Natur sei“ (so seine Selbstanzeige), auf die Füße gestellt und das Romangeschehen gleichsam als Unbewusstes der Goethe’schen Intention gedeutet.
Eine Erschwernis beim Studium von Benjamins Argumentation rührt von seiner Eigenheit, Ideen aus früheren Texten aufzugreifen und fortzuschreiben, einer Methode, die er in der erkenntniskritischen Vorrede zum Trauerspielbuch als „intermittierende Rhythmik“ beschreibt, bei der das Denken stets von Neuem anhebe. In dieser Hinsicht ist der umfangreiche, mehr als dreihundert Seiten umfassende Kommentarteil der Kritischen Edition sehr hilfreich. Neben Varianten und Zitatbelegen gibt er nicht nur umfangreiche Passagen aus Goethes Roman und der von Benjamin erwähnten Literatur wieder, sondern nennt auch zahlreiche Querverweise zu einzelnen Konzepten oder Thesen in anderen Schriften Benjamins.Sigrid Weigel
Walter Benjamin: „Goethes Wahlverwandtschaften“. Werke und Nachlass. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 4.
Hrsg. vom Martin Kölbel und Ursula Marx. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 1014 S., geb., 78,– €.